Fast ein Liebesbrief

brandwacht-Kolumnistin Christine Gubelt schildert ihre subjektiven Eindrücke
vom Besuch einer Feuerwehr-Einsatzzentrale

 


Liebe
Feuerwehrmänner, liebe Feuerwehrfrauen,

 

ich muss das jetzt einfach mal los­werden. Denn seit ich vor kurzem bei der Nürnberger Feuerwehr war, bin ich beeindruckt, schwer beeindruckt sogar. Natürlich war mir auch vorher schon klar, dass Ihr einen wichtigen Job macht, aber dass Feuerwehr weniger Beruf, sondern mehr Berufung ist, vielleicht gar eine Leidenschaft, eine Lebenseinstellung, das ist mir erst nach meinem Besuch in Nürnberg klar geworden.

Ich war zwar nur einen Tag auf der Wache, aber vom ersten Moment an war es zu spüren, das Teamgefühl, der Zusammenhalt, dieses legendäre “Einer für alle, alle für einen". Auch bei uns in der Bayern3-Redaktion leben wir von Teamwork und auch beim Radio sind wir Schnelligkeit gewohnt, müssen sekundenschnell reagieren können. Aber bei uns geht es um Nachrichten, um Musik, um Unterhaltung es geht nicht um Menschenleben, um das Schicksal ganzer Familien, um Karrieren...

Dieses Bewusstsein, die Verantwortung und vor allem die andauernde Bereitschaft muss man erst mal aushalten! Egal ob in der Fahrzeughalle beim Löschwagen waschen, in der Küche beim Mittagessen oder in der Werkstatt bei der Geräteüberprüfung auf den ersten Blick sieht das alles nach einem angenehmen, entspannten Job aus, aber sobald der Alarm kommt, geht‘s los, von null auf hundert innerhalb von Sekunden. Das ist Euch wahrscheinlich gar nicht bewusst, aber in diesem Moment bekommt Ihr einen ganz besonderen Gesichtsausdruck einen, mit dem Außenstehende mit Sicherheit nichts anzufangen wissen.

Wenn in Nürnberg Alarm war, habe ich das weniger am Gong gemerkt, als mehr an der schlagartig veränderten Mimik der Dienst habenden Männer. Plötzlich sind das Scherzen und das Lachen weg, Eure Augen glänzen, Euer Blick ist noch konzentriert und dann seid Ihr nur noch von hinten zu sehen. Genauso war‘s auch, als ich letztens bei einer abendlichen Vereinssitzung in unserer Gemeinde war. Bevor ich die Sirenen überhaupt gehört hatte, waren zwei unserer freiwilligen Feuerwehrleute schon raus aus der Tür. Voller Einsatz, immer bereit, und zwar 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr, um anderen zu helfen.

Wie schafft Ihr das? Wie verarbeiten das Eure Frauen, Eure Männer und Familien‘? Jederzeit kann Alarm ausgelöst werden, kann es losgehen. Ob beim romantischen Candlelight-Dinner am Hochzeitstag, auf einer Party bei Freunden oder einfach nur abends daheim auf der Couch. Heilig Abend, Silvester oder am Geburtstag der Kinder: Wenn sich der Piepser meldet, dann gibt‘s nur eins raus aus dem Bett und rein in die Hosen, Stiefel und Jacken. Einsatz von “eben auf jetzt” und keiner weiß genau, was einen erwartet. Fehlalarm wie so oft? Oder volles Risiko, höchste Konzentration, Löschen, Retten, Bergen und im schlimmsten Fall nichts mehr tun können. Gerade das muss an die Nerven gehen. Wobei diese Formulierung gar nicht den Kern trifft, Ich kann mir ungefähr vorstellen, was in Euch vorgeht, wenn Ihr zu einem schweren Verkehrsunfall gerufen werdet, wenn Ihr einen vor Schmerzen schreienden Menschen aus dem verbeulten Auto befreien müsst und dieser Mensch dann vor Euren Augen stirbt. Vielleicht ist es ein Kind, das sein ganzes Leben noch vor sich gehabt hat. Es ist gut, dass Ihr in solchen Fällen psychologische Un­terstützung bekommt. Früher so hat man mir‘s erzählt früher haben Feuerwehrleute ihre seelische Belastung nach einem schweren Einsatz mit zwei oder drei Flaschen Bier “weg getrunken”, was mit Sicherheit nur eine momentane Betäubung war: Die psychischen Nachbelastungen waren langwierig.

Ich sag‘s ganz offen: Manchmal kamen mir die endlosen Lobeshymnen auf die New Yorker Feuerwehrleute nach dem 11. September etwas übertrieben vor. Heute sage ich:

Man kann Euch nicht genug loben für Eure ständige Bereitschaft, für das Engagement und vor allem für Euren Mut, all die­se Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, um andere Menschen im oft selbstverschuldeten Notfall zu retten. Ich wüsste nicht, was ehrenwerter wäre. Und deshalb ziehe ich wirklich den Hut vor jedem von Euch, ob bei der Berufsfeuerwehr oder der freiwilligen Feuerwehr. Ich hoffe für uns alle, dass Euch die schrecklichen Erfahrungen Eurer Kolleginnen und Kollegen in New York, in Istanbul oder erst vor ein paar Wochen in Madrid erspart bleiben.

An dieser Stelle ein dickes Danke aus tiefstem Herzen von einer, die viele Jahre über die Arbeit der Feuerwehren nur das wusste, was die Medien veröffentlichten. Und die jetzt ein wenig mehr Einblick hat. Vielleicht auch genug Phantasie, um sich Euer Engagement “vor Ort” vorzustellen. Macht wei­ter so und gebt nicht auf! Die Gesellschaft braucht Euch! Sie braucht Euch dringender denn je!

Ich wünsche Euch und Euren Familien alles Liebe und Gute,

 

Eure Christine Gubelt

 

Aus: Brandwacht, Zeitschrift für Brand- und Katastrophenschutz, Heft 2/2004, Seite 61

 

Für das Internet bearbeitet  von Hanjo v. Wietersheim am 20.04.2004.

zurück zu www.notfallseelsorge.de  
zurück zu www.feuerwehrseelsorge.de